Ich schütte mein Herz bei dir aus – Gottes Zuspruch hören lernen

Christelle Imhoff –

Ich komme aus der französischen Schweiz und ­lebe in Buenos Aires mit meinem argentinischen Mann Jorge, den ich in Ostfriesland kennen­gelernt habe. Wir sind eine bunte aber glückliche Mischung! Seit zwei Jahren sind wir verheiratet, und den Sprung aus Europa nach Lateinamerika habe ich kurz vor unserer Hochzeit gemacht. Viele haben mich gefragt, ob ich mich gut einleben konnte, und stellten sich diese riesige Umstellung ziemlich schwierig vor. Es stimmt, dass die Kultur, der Lebensstil und die Wirklichkeit Argentiniens ganz anders sind als in Deutschland oder der Schweiz. Aber erstaunlicherweise war für mich nicht das Eingewöhnen in das Leben in Argentinien am anstrengendsten, sondern das Ein­gehen einer Beziehung und es zu wagen, ein ­lebenslanges und verbindliches Versprechen zu bejahen. Gehen wir aber ein wenig in der Zeit zurück…

Gott folgen, wo andere ihn mir zeigen

Ich bin in einer christlichen Familie geboren und in einer freien evangelischen Gemeinde groß geworden. Ich hatte eine schöne Kindheit, wenn auch mit Schatten. Mit sechzehn bin ich durch Kontakte meiner Mutter in Ostfriesland gelandet, um während der Sommerferien mein Deutsch zu verbessern. Es war meine erste Begegnung mit ­einer anderen Kultur und Mentalität. Ich erlebte zum ersten Mal eine andere Art und Weise, den Glauben zu leben. Später, kurz nachdem ich die Schule beendet hatte, entschied ich mich, zum Studium nach Ostfriesland zu gehen. Mit fast neunzehn zog ich Zuhause aus und ließ mich dort nieder. Auch wenn ich von einer unbekümmerten Kindheit sprach, war die Ehe meiner Eltern doch lange schwierig gewesen, bis sie sich schließlich trennten und scheiden ließen. Latent spürte ich schon als Kind den Beginn dieses Prozesses, aber seine Explosion bekam ich nicht direkt mit. Das machte es mir schwer, die Scheidung zu realisieren und zu verarbeiten. Gleichzeitig erlebte ich in Deutschland, wie meine Gemeinde explodierte und viele sie verließen, auch die Familie, die mich zuerst aufgenommen hatte und meine Anlaufstelle gewesen war. Während dieser Zeit lernte ich auch meinen zukünftigen Ehemann kennen und wir verlobten uns ein Jahr später. Das alles führte mich in eine tiefe Identitätskrise: Wer bin ich? Woher komme ich? Was glaube ich wirklich? Wo finde ich Sicherheit? Der Boden unter meinen Füßen geriet ins Schwan­ken, es folgte eine Zeit, in der ich alles in meinem Leben grundsätzlich hinterfragte.

Zweifel aussprechen, wo ich mich anvertraue

Die verdrängte Trauer wegen der Scheidung ­meiner Eltern warf ihre Schatten auf meine eigene Beziehung. Ich wurde von großen Verlust­ängsten geplagt und wusste nicht mehr, ob ich Gott wirklich vertrauen kann. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich heiraten wollte, vor lauter Angst, das könne auch zusammenbrechen. Ich hatte Panik vor Konflikten mit meinem Verlobten, weil ich befürchtete, dass er mich des­wegen verlassen würde. Die Angst blieb in der ­ersten Phase unseres Ehelebens präsent. Gott sei Dank hatte Jorge viel Geduld. Er blieb angesichts meiner ambivalenten Gefühle an meiner Seite, ohne mir Ratschläge zu geben oder Druck zu ­machen. Ich darf mit ihm eine andere Realität in Beziehungen lernen – man kann Konflikte haben, ohne dass das gleich den Abbruch der Beziehung bedeutet. Wir lernten (und lernen weiter), wie wir mit Konflikten umgehen und wie wir eine beziehungsfördernde Kommunikation entwickeln.

Gott begegnen, wo ich gerne bin

Einige Dinge haben mir geholfen, diese Zeit zu überstehen. Zeit meines Lebens bin eine Naturliebhaberin und liebe Spaziergänge über alles. Oft, wenn es mir nicht gut ging und ich in meinen Gedanken feststeckte, ging ich in den Wald und schüttete Gott mein Herz aus. Die Bewegung und die „natürliche Kathedrale“ halfen mir, mich Gott nah zu fühlen und den Knoten in meinem Kopf oder in meinem Herzen zu benennen. Und dann gibt es die Musik. Ich spiele Klavier und singe gerne. Als Teenager verbrachte ich viel Zeit an meinem Klavier. Entweder sang ich Lobpreislieder, die mir in dem Moment gut taten, oder ich suchte nach eigenen Worten und schrieb meine persönlichen Lieder. Sie begleiten mich heute noch und sind mir sehr kostbar. Ich verbinde jedes einzelne mit einer Geschichte, und es hilft mir, zu vertrauen, wenn ich mich in den heutigen Herausforderungen an sie erinnere: Ja, es geht weiter, es gibt ein Leben nach der Krise.

Mit Gott reden, wo die Worte fließen

Das Schreiben generell, auch ohne Musik, war mir eine große Stütze. Nicht, dass ich ein literarisches Wunder bin, aber allein die eigenen Worte aufs Papier zu bringen, ist für mich ein kathar­tisches Erlebnis. Ich schrieb ganz oft Briefe an Gott, oder auch einfach ein Tagebuch meiner Gefühle und Gedanken. In einer Krisenphase, in der es mir wirklich nicht gut ging, hatte ich Angst, laut zu sagen, was mich innerlich bewegte. Ich schaffte mir aber ein „Horror-Heft“ an, in dem ich mir erlaubte, das, was für mich das Schrecklichste vom Schrecklichsten war, in Worte zu fassen. Es war in einem solchen Moment, als ich einmal unerwartet Gottes tiefe Umarmung und seinen Frieden spürte. Ich glaube, das war für mich ein Schlüsselerlebnis, durch das ich verstand, dass Gott mich wirklich liebt und will, all das eingeschlossen, was in mir beschämend ist und mich ekelt. Ich lernte auch, dass die Basis für eine wachsende Beziehung mit Gott ist, ehrlich zu sein über das, was ich fühle, denke und bin. Ich erlebte, dass nur indem ich authentisch war und mich mit mir selbst und mit Ihm konfrontierte, ich in einen Veränderungsprozess einsteigen konnte.

Auch in meiner neuen Lebensphase begleiten mich die gleichen Prinzipien weiter. Schreiben und Musik bleiben Teil meiner täglichen Auseinandersetzung mit mir selbst und mit der Welt. Selbst, dass die einzigen Wälder, die ich hier habe, aus Metall sind, ist nicht schlimm. Ich gehe einfach in meinen kleinen Garten und sitze dort. Gott ist auch da.

Bild: ©www.freudenwort.de
Brennpunkt-Seelsorge 1 / 2018: Mich überlassen oder mich überlasten
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