Ein Mann sitzt vor einer Reihe von Büchern

Die Dinge lügen nicht – „Interview“ mit Thomas von Aquin

Hans Conrad Zander –

Was ist Wahrheit?

Thomas von Aquin: Der Geist des Menschen empfängt sein Maß aus der Realität. Was ein Mensch denkt, ist also nicht aus sich selber wahr. Wahr wird es durch die Übereinstimmung mit der Realität. Der Geist Gottes dagegen gibt der Realität das Maß. Denn jedes Ding hat so viel Wahrheit, wie es Gottes Geist abbildet. (Summa Theologica I, II, 93, 1, ad 3.)

Thomas, das Maßnehmen an der Realität liegt nicht allen so wie dir. Der moderne Modebegriff heißt „Selbstverwirklichung“.

Das, was die Seele glücklich macht, ist außerhalb der Seele. (Summa Theologica I, II, 2, 7.)

Wo bleibt bei so viel Liebe zur Welt die kritische Selbsterkenntnis des Menschen?

Unser Geist kann sich selber nicht unmittelbar erkennen. Erst durch die Erkenntnis der Dinge kommt er zur Selbsterkenntnis. (De Veritate 10, 8.)

Gehört nicht auch der Irrtum zur Selbstfindung des Menschen?

Ein Irrtum wird zur Sünde des Verstands, wenn es sich um Unwissenheit oder Irrtum über etwas handelt, was einer durchaus verstehen könnte und verstehen sollte. (Summa Theologica I, II, 74, 5.)

Kann Dummheit Sünde sein?

Nur dann ist der Wille des Menschen gegen die Sünde immun, wenn sein Verstand immun ist gegen Unwissenheit und Irrtum. (Summa contra Gentiles IV, 70.)

Und wie kommt der Mensch zu Verstand?

Gott hat uns zwei heilige Schriften gegeben: das Buch der Schöpfung und die Bibel. Die erste dieser beiden Schriften enthält so viele hervorragende Aussagen wie es Geschöpfe gibt. Denn die Geschöpfe lehren die Wahrheit ohne Lüge. Deshalb halte ich es mit Aristoteles, der einmal gefragt wurde, von wem er so viel gelernt habe. ‚Von den Dingen‘, gab er zur Antwort, ‚denn die Dinge lügen nicht.‘ (Sermo in 2a dominica Adventus.)

Genügt nicht der Glaube, um selig zu werden?

Offenkundig falsch ist die Meinung, für die Wahrheit des Glaubens sei es ganz gleichgültig, was einer über die Geschöpfe denke, wenn er nur von Gott die rechte Meinung habe. Denn ein Irrtum über die Geschöpfe führt zu einer falschen Vorstellung über Gott. (Summa contra Gentiles II, 3.)

Was können wir von Gott wissen?

Weder Katholik noch Heide (neque catholicus neque paganus) erkennt das Wesen Gottes, wie es in sich selber ist. (Summa Theologica I, 3, 10, ad 5.)

Wenn das Wesen Gottes uns verschlossen ist, was können wir – Katholiken und Heiden – dennoch von Gott erkennen?

Das Wesen Gottes, wie es in sich selber ist, können wir in diesem Leben nicht erkennen. Jedoch erkennen wir es, insofern es sich spiegelt in den Vollkommenheiten der Schöpfung. (Summa Theologica I, 13, 2, ad 3.)

Wäre es nicht die eigentliche Aufgabe des Theologen, Gott zu rechtfertigen und die Wahrheit des Glaubens zu beweisen?

Man hüte sich davor, andere durch Beweise zum Glauben hinführen zu wollen. Einmal tut das der Würde des Glaubens Abbruch. Denn die Wahrheit des Glaubens übersteigt alle menschliche Vernunft. Zweitens sind solche Argumente meistens billig (frivolae) und geben so den Ungläubigen Anlass zu Spott, weil sie dann meinen, unser Glaube hange von derlei Begründungen ab. (Questiones quodlibetales 3, 31.)

Was ist der Glaube?

Der Glaube ist ein Vorauskosten jener Erkenntnis, die uns in der Zukunft glückselig machen wird. (Compendium theologiae 1, 2.)

Dir sind hohe Ehrentitel verliehen worden: „Heiliger“, „Bekenner“, „Lehrer der Kirche“ wirst du genannt. Viele Päpste haben dich gefeiert als den größten Weisen der Christenheit.

Weisheit kann man gar nicht besitzen. Man kann sie sich nur leihen. (In duodecim libros Metaphysicorum I, L. 3 n. 64.)

Wer war Thomas von Aquin?

Fast unbegreiflich scheint es auf den ersten Blick, dass über das persönliche Leben dieses prominentesten Prominenten des 13. Jahrhunderts wenig überliefert ist. Das liegt an seinem Charakter. Thomas war ein Mann der raschen, kraftvollen Entscheidungen. Bei der einmal getroffenen Entscheidung aber blieb er dann ohne alles Schwanken. Ohne „religiöse Probleme“. So ist er als junger Mann, gegen den Willen seiner Familie, Mönch geworden. Er blieb es unbeirrt. Mit Leib und Seele. Nichts anderes hat er geführt als das Gebetsleben eines namenlosen Mönchs. Seine Gebete sind Zeugnisse einer leidenschaftlichen, maßlosen Gottesliebe. Die Hymnen, die Thomas von Aquin verfasst hat, sind die schönsten Lieder der katholischen Kirche: „Adoro te – Verborgene Gottheit, ich bete Dich an.“

Unter Historikern bleibt umstritten, was eigentlich geschah, als Thomas von Aquin im Winter 1273 sein gigantisches Werk jäh abbrach. „Burn-out“, sagen die einen, „mystisches Erlebnis“ die anderen. James A. Weisheipl, ein Thomas-Forscher mit amerikanischem Verstand, vermutet, was wohl damals schon Reginald Piperno, der Sekretär, erkannt hat: dass es nicht eins von beidem war, sondern beides. Beides zugleich. Wochen nach jenem Zusammenbruch hat Thomas noch einmal die Gräfin Theodora von San Severino besucht. Das war seine jüngere Schwester. All die Jahre waren die beiden befreundet geblieben. Jetzt war auch die Schwester entsetzt, so erstarrt und in sich selbst versunken kam Thomas ihr vor. Darüber sprach sie mit Reginald von Piperno und bat ihn, noch einmal in ihren Bruder zu dringen, was denn los sei mit ihm. Thomas schwieg zuerst. Dann sah er den Freund an: „Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh – verglichen mit dem, was ich geschaut habe und was mir offenbart worden ist.“

Vier Monate später war Thomas von Aquin tot. Der Mann, dem sein eigenes Werk vorkam wie Stroh, ist einer der bedeutendsten Klassiker des westlichen Denkens. Zweifellos ist er der größte Theologe der katholischen Kirche.

Von Conrad Zander

Aus: Dummheit ist Sünde. Thomas von Aquin im Interview mit Hans Conrad Zander © Patmos Verlag, Ostfildern 2009.

Bild:©David-W- / photocase.de
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